Heute vor einem Jahr..

… begannen die drei, vier bewegtesten und berührendsten und traurigsten Tage meines bisherigen Lebens. Plus die Nächte.
Heute vor einem Jahr kam am Vormittag der Anruf vom Krankenhaus. Die Nacht haben wir dort verbracht, allerdings im Besucherzimmer auf dem Gang. Meine Mama war bei Papa, ab und an schauten wir rein. Wir hatten ja schon Angst, dass es in dieser Nacht passieren wird. Wir wussten ja nicht, wie lange es dauern würde. Nur das es passieren wird, dass war leider klar.

Tag und Nacht war ich bei Papa. Nur in den frühen Morgenstunden eben schnell nach Hause gefahren und sich gewaschen und neue Sachen angezogen. Ansonsten nur bei Papa. Zwischendrin mal raus, raus aus dem Zimmer.

Es waren sehr bewegte Tage. Traurige Tage. Papa ahnte es, spürte es, wusste es wohl auch. Die Blicke zwischendrin von ihm, die er uns einzeln immer zugeworfen hat bzw. mit denen er uns angeschaut hat… sie gingen tief. Als würde er sich jeden einzelnen von uns einprägen wollen, zum mitnehmen quasi. Papa und ich haben uns ohne viele Worte verstanden. Zwischen uns war ein ganz tiefes Band.

Diese Zeit jetzt, sie ist so aktuell und so frisch da. Als würde ich es gerade wieder erleben.

Aber ich habe einen mir sehr wichtigen Menschen in meinem Leben, meinen Papa, bei seinem schwersten Gang begleitet. Ich habe einen Menschen beim Sterben Tag und Nacht begleitet. Aus dem Zimmer sind wir nur raus, wenn Papa mal musste. Die Flasche hat meist Mama gehalten, beim größeren Geschäft kam der Pfleger. Meine Schwester und ich und wenn mein Mann da war, sind dann immer raus. Diese Intimsphäre ging nur meine Mama etwas an. Aber ansonsten habe ich meinen Papa beim Sterben begleitet. Ich habe ihm die Beine mit Franzbranntwein eingerieben, weil ihm so heiß war. Ich habe Thermalwasser aus der Apotheke geholt und ihn eingesprüht, weil ihm so heiß war. Ich habe den Kühlschrank von der Station hochgedreht und ständig neue Wasserflaschen hinein gefüllt, weil Papa das Wasser eiskalt trinken wollte. Ich war diejenige, die am meisten diesen Gang gelaufen ist zum Kühlschrank.

Hat jemand schon mal jemanden beim Sterben begleitet? Bis zu seinem letzten Atemzug? Nicht nur die letzten Minuten oder die letzte Stunde dabei sein, sondern schon mehrere Tage, wenn es denn mehrere Tage gedauert hat? Ich hab nie damit gerechnet, dass ich so etwas mal erlebe. Aber mir war klar, als es dann unausweichlich war und wir wussten, dass Papa sterben wird, dass ich da nicht mehr von seiner Seite weiche. Und so schwer es auch gewesen ist, so bin ich auch froh, dass ich das erleben durfte. Das ich dabei sein konnte. Natürlich war es unsagbar schwer. In der Nacht am Bett zu sitzen und aufzupassen. Mama und meine Schwester haben dann geschlafen, ich saß am Bett. Oder Mama saß am Bett oder meine Schwester. Nachts haben wir uns abgewechselt. Aber immer da zu sitzen und Angst zu haben, dass es jetzt soweit ist.

Es ist ein sehr berührendes und sehr bewegendes Erlebnis. Es geht tief rein. Man vergisst es auch nicht. Ich selbst habe aber so keine Probleme damit, wenn ich an Papa denke, dass ich ihn da im Bett liegen sehe. Ich sehe Papa immer vor Augen, wie er vorher gewesen ist. Das ist ganz tief in meinem Herzen drin.

Mama hat sich der Blick von Papa bei seinem letzten Atemzug eingebrannt. Er hat sie wohl so groß angeschaut. Ich weiß es nicht, denn ich hab Papa zu dem Zeitpunkt umarmt, ihn geküßt und ihm gesagt, dass er der allerbeste Papa der Welt ist und ich ihn liebe.

Es waren wirklich sehr traurige Tage. Sehr bewegte. Aber ich möchte sie in meinem Leben auch nicht mehr missen.

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