Nach der Diagnose ist vor der Diagnose 

Klischeehafte Überschrift. Aber sie trifft es. Diagnose war bekannt. Papa kam von Inneren auf die Onkologie. Gespräch mit dem Onkologen. An sich sollte Papa am 31.7. aus der stationären Behandlung entlassen werden und am 04.08. sollte er die erste Chemo bekommen. Gemzar nennt sich das Mittel der Chemo. An sich eine recht “sanfte” Chemo, mildert mehr die Symptome der Krankheit, ermöglicht eine Linderung der Symptome und erhöht die Lebensqualität des Erkrankten.

Allerdings verschlechterten sich Papas Leberwerte immer weiter und so beschlossen die Onkologen die Chemo vorzuziehen. Papa wurde nicht entlassen, sondern bekam am 31.7. seine Chemo. Nach der Chemo sind wir mit Papa spazieren gegangen, es ging ihm gut! Uns wär klar, dass er die nächsten zwei Tage aufgrund der Chemo nicht ganz so fit sein wird. Denn Chemo bleibt Chemo. Am Samstag war er auch sehr müde und erschöpft. Ihm ging es gar nicht gut. Aber klar, der Körper kämpfte ja gegen alles an.

Dann kam der Sonntag und Mama hatte versucht mit Papa zu telefonieren. Jedoch war er schwach, redete davon, dass es an seinen Beinen herunterlief…. Wir also ins KH. Und da haben wir dann erfahren, dass Papa Blut im Stuhl hatte. Schon seit vier Tagen. Nur hat er den Schwestern und dem Arzt nichts gesagt. Unwissenheit? Gedacht, es kommt von den Tabletten? Angst? Etwas geahnt? Egal…verschwiegen bleibt verschwiegen. Und verstehen kann ich es sogar. Mein Papa ist 77 und war nie krank. Er nahm an, es kommt von den ganzen Tabletten….

Nun war es am Sonntag aber so schlimm gewesen, dass er viel Blut verloren hat. Später hat er auch Blut erbrochen. Nebenwirkung der Chemo? Meiner Mama war es da schon klar, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sie hatte es ja gesehen. Das Erbrochene muss fast schwarz gewesen sein. Papa bekam Infusionen. Gegen Übelkeit und auch Blutplasma. Denn sein Gerinnungswert war ganz unten durch den Blutverlust. So sah es halt erst aus.

Dann folgte der Montag. Mama war schon früh ins KH gefahren und rief mich an und sagte mir, dass Papa zur Endoskopie gebracht wurde. Zwei Stunden später erfolgte der Anruf, der alles veränderte. Der Anruf aus dem KH an uns Töchter: Können Sie bitte zeitnah ins KH kommen? Ihr Vater blutet aus der Leber, wir möchten mit Ihnen das weitere Vorgehen besprechen.

Meine Schwester und ich flogen quasi ins KH. Der Oberarzt nahm uns zur Seite: ich möchte erst mit Ihnen sprechen und Ihnen alles genau erklären und in Ihrem Beisein Ihrer Mutter erklären. Und dann erfuhren wir die ganze grausame Wahrheit, die sich erst an diesem Montag gezeigt hat: Die Leber ist durch den Krebs zu schwer geschädigt. Die Magenschleimhaut nicht mehr gut durchblutet. Sie dachten, es blutet aus einem Gallengang. Doch dem ist nicht so. Sie haben sich gewundert, warum der Gerinnungswert des Blutes trotz sämtlicher Gaben einfach nicht mehr hochgeht. Und schauten weiter. Dann haben sie gesehen, dass es aus der Leber in die Gallengänge blutet und das die Leber einfach zu schwer geschädigt ist. Sie könnten weiterhin Mittel geben, die den Gerinnungswert ansteigen lassen, allerdings wäre das nur von kurzer Dauer.

Es tut uns leid, wir können für ihren Vater nichts mehr machen. Wir werden das Zimmer für sie sperren. Der Zimmernachbar wird sofort entlassen und sie dürfen bei ihrem Vater bleiben. Tag und Nacht und so lange wie nötig.

Wir holten Mama dazu, die total erstaunt war, dass wir auf einmal im KH waren. Sie straffte ihre Schultern und sah den Arzt an: Sagen Sie mir die Wahrheit, mein Mann wird sterben?! Er nickte.

Und unsere bis dahin wirklich heile Welt ist zusammen gebrochen…..