Der Tag der Wahrheit

Da standen wir nun und waren urplötzlich mit etwas konfrontiert, mit dem man einfach nicht konfrontiert werden möchte. Innerhalb der engsten Familie. Konfrontiert mit dem Tod. Natürlich ist einem als Kind klar, dass es irgendwann soweit ist, dass man ein Elternteil hergeben muss. Aber verdammt nochmal, bis vor kurzem war unsere Welt doch in Ordnung gewesen. Krebs trifft doch eigentlich immer die anderen und nun war man sogar an einem Punkt angelangt, an dem man nie kommen mag. Sicherlich hatten wir nach Bekanntwerden der Diagnose am Anfang immer damit gerechnet, dass es passieren kann. Aber innerhalb von vier Wochen? Wir hatten doch noch Pläne und Wünsche und Vorstellungen….. Das alles soll wirklich vorbei sein?

Der Zimmernachbar räumte seine Sachen zusammen, seine Lebensgefährtin war in unserem Beisein sehr zickig: wir werden hier jetzt aus dem Zimmer geschmissen sagte sie am Telefon zu jemanden. Ich schaute nur und meinte zu ihr: entschuldigen Sie bitte das unser Vater im Sterben liegt. Wir haben uns das auch anders gewünscht…. Sie rauschte einfach nach draußen. Er selbst drückte uns die Hand und wir wünschten ihm alles Gute. Dann kam Papa von der Endoskopie wieder hoch ins Zimmer. Irgendwann am Nachmittag, ich stand bei Papa am Bett und hielt seine Hand, da fragte er mich etwas, was mir unter die Haut ging. Mama war mit meiner Schwester nochmal kurz weg und Papa schaute mich an: hier stimmt doch was nicht…hier sagt mir irgendjemand nicht die Wahrheit. Ich hielt Papas Hand und fragte ihn: was möchtest du wissen Papa? „Wie ernst ist es?“ Da schaute ich ihn nur noch an, mir schossen die Tränen in die Augen…. Ernst Papa, sehr ernst. Ich ahnte es, war seine Antwort.

Diese Nacht verbrachte Mama an Papas Seite in dem Zimmer. Meine Schwester, mein Mann und ich waren im Aufenthaltsraum von der Station und haben mehr oder weniger auf den Stühlen dort geschlafen. Wir wollten Papa nicht beunruhigen, dass alle da sind. Wir dachten ja, dass es nun sehr schnell gehen würde. Aber es folgten noch drei weitere gemeinsame Tage.

Es ist grauenvoll seinen Papa beim Sterben zu begleiten. Da am Bett sitzen, Hand streicheln, trinken reichen und eigentlich nichts tun können. Außer da sitzen. Angst haben. Jeden Atemzug begleiten. Aber es waren auch sehr sehr bewegte Stunden für mich. Intensiv und berührend. Innig und nah.

0 Kommentare zu „Der Tag der Wahrheit“

  1. So ein ähnliches Gespräch hatte Papa und ich auch, als er noch reden konnte. Er meinte, er wolle uns nicht alleine lassen. Das bricht mir heute noch das Herz. Diese Angst in seinen Augen…

    Was für ein Glück, dass ihr als Familie so zusammengehalten habt.

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